Dergleichen Empfindungen regen sich in mir unfehlbar an Orten,
die eher zur Vergangenheit als in die Gegenwart gehören.
Wenn ich beispielweise irgendwo auf meinem Wegen durch die
Stadt in einen jener stillen Höfe blicke, in denen sich über
Jahrzehnte nichts verändert hat, spüre ich beinahe körperlich,
wie sich die Strömung der Zeit im Gravitationsfeld der
vergessenen Dinge verlangsamt. Alle Momente unseres Lebens
scheinen mir dann in einem einzigen Raum beisamen,
ganz als existierten zukünftige Ereignisse bereits und harrten
nur darauf, dass wir uns endlich in ihnen einfinden,
so wie wir uns, einer einmal angenommennen Einladung folgend,
zu einer bestimmten Stunde einfinden in einem
bestimmten Haus. Und wäre es nicht denkbar, dass wir auch
in der Vergangenheit, in dem, was schon gewesen
und größenteils ausgelöscht ist, Verabredungen haben und
dort Orte und Personen aufsuchen müssen, die,
quasi jenseits der Zeit, in einem Zusammenhang stehen mit uns?

W.G. Sebald, Austerlitz

Nuova Gibellina 2018