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Gemeinschaft braucht Bilder, um sich zu konstituieren, und ist also eng mit ihrer medialen Repräsentation verknüpft. Soziale Gefüge werden durch Bildmedien hergestellt. Die Sichtbarmachung von Gemeinschaft ist eine der zentralen Gebrauchsweisen der Fotografie: im Familienalbum, in Werbung oder Kunst, und mittlerweile vor allem in Social Media. Gerade in künstlerischen Kontexten, wo der Ausstellungsraum eine Art Bühne ist, kann Fotografie die Produktions- sowie Transformationsprozesse von Gemeinschaften visuell erfahrbar machen und also vermitteln.

Zu einer der politisch einflussreichsten Gemeinschaften in Deutschland gehört seit dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte nach 1945 die Automobil-Community. Das Auto – beziehungsweise die Automobilindustrie – gilt als Motor des sogenannten Wirtschaftswunders. Im Begriff der autogerechten Stadt aus den 1950er Jahren kommt zum Ausdruck, wie umfangreich die Verkehrsplanung den Gebrauch der Stadt dominierte, und das vielerorts bis heute. Weiterhin bestimmt das Auto trotz Klimakrise und Maßnahmen für eine notwendige Mobilitätswende das Bild bundesdeutscher Städte. In Alexander Meyers mehrteiliger Installation 2 Marlboro und einmal die 5 bitte (2024) gruppieren sich Bilder alltäglicher Tankstellenszenarien in diesem Sinne großflächig um das Wort „Community“ herum. Die 14 Detailaufnahmen zeigen ausschließlich Hände beim Tankprozess. Kaum etwas lässt sich im engen Ausschnitt dieser Bilder über die Autofahrer*innen selbst erfahren, etwas mehr vielleicht über Fabrikat und Farbe der jeweiligen Fahrzeuge. Im Fokus der Arbeit stehen aber keine solch individuellen Fragen. Vielmehr widmet sie sich den gleichförmigen Handgriffen einer anonymen Masse, mit denen eine Vielzahl moderner, kapitalistischer Heilsversprechen einhergehen: Das Auto verspricht Flexibilität und Mobilität sowie Unabhängigkeit und Freiheit, aber auch Lohnarbeit, Güter und Zeitersparnis. Es ist Sinnbild von technologischem Fortschritt und Konsumgesellschaft. Darauf verweist auch der Schriftzug im Zentrum der Installation, denn seine Typografie ruft unweigerlich Bildwelten der Werbung auf. Der Text „Community“ tritt als Bild in Erscheinung.

Das korrespondiert mit dem Titel der Installation: Neben den eingängigen Werbebildern der Zigarettenmarke Marlboro – bis 2017 verkörpert durch die Figur des Marlboro Man, der als Cowboy vor allem Männlichkeit, Kraft und einen unabhängigen Lebensstil vermittelte – weckt der eigentümlich vertraute Satz Assoziationen an gewöhnliche Bezahlvorgänge an der Tankstellenkasse. Dabei ähneln die Versprechen der Autoindustrie den Versprechen der Tabakindustrie: Freiheit, Unabhängigkeit, Individualität etc. Zugleich sind beide – das Rauchen und das Autofahren – längst überholte Statussymbole einer industriellen Kultur des Spätkapitalismus, die als Mythen des Alltags weiterleben.

Meyer ergänzt seine Wandinstallation um ein Tischarrangement brennender Kerzen, die an Opferlichter aus der christlichen Tradition erinnern und dort eine wichtige liturgische Bedeutung haben. Sie kommen in Andachten, während der Messe oder als Teil von Prozessionen zum Einsatz, schaffen einen spirituellen Raum und sollen Gebete unterstützen. Seltsam verformt, und dabei aneinander anschmiegend, erhalten die Kerzen in der Installation eine spezifische Körperlichkeit, die an positiv besetzte Werte von Gemeinschaft wie Wärme, Nähe oder Zusammenhalt erinnert und so auch mit den abgebildeten Händen korrespondiert. Mit dem gängigen Treibstoff von Autos teilen sich diese Kerzen wiederum denselben Grundstoff, und zwar das aus Erdöl gewonnene Paraffin. Trotz Ergebnissen der Klimaforschung zum Zusammenhang aus Kraftstoffverbrauch, Fahrzeugproduktion und CO2-Emissionen wird vielfach am privaten Auto als Hauptverkehrsmittel festgehalten. Die fotografierten Tankstellen-Szenerien treten auf diese Weise als Riten einer Glaubensgemeinde, das Auto als Heiligtum und die Autolobby als quasi-religiöse Gemeinschaft in Erscheinung, die sich oftmals gegen Erkenntnisse aus der Wissenschaft wendet und mögliche Alternativen abwehrt. Die bisweilen ideologisch gefärbte Sorge vor der Einschränkung einer wie auch immer gearteten Freiheit mittels Auto durch eine weniger reale denn vielmehr imaginierte ,Verbotspolitik‘ von Links hat sich nicht nur in Deutschland zum Symbol eines Kulturkampfs von Rechts etabliert: Regelmäßig kommt es im Rahmen von Klimaprotesten zu tätlichen Übergriffen von Autofahrer*innen auf Aktivist*innen.

Alexander Meyer näher sich diesen Interferenzen, ohne plakativ zu sein. In seinen Bildern greift er auf spezifische Bildtraditionen und arbeitet mit starken Referenzen. So lenkt er zwar Assoziationen und schafft thematische Verknüpfungen. Er gibt aber keine eindeutigen Urteile vor. Vielmehr vermag er es mithilfe der skizzierten künstlerischen Bildstrategien, Reflexionsvorgänge bei Betrachter*innen anzustoßen. Auf einer fast schon medienreflexiven Ebene macht 2 Marlboro und einmal die 5 bitte spielerisch Fremd- und Selbstbilder einer heterogenen Gemeinschaft von Autofahrer*innen erfahrbar.

1 Exemplarisch Pierre Bordieu, Luc Boltanski u. a.: Eine illegitime Kunst: Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, Frankfurt am Main 1981.

2 Der Begriff der autogerechten Stadt geht zurück auf die Publikation des Architekten und Stadtplaner Hans Bernhard Reichow: Die autogerechte Stadt, hg. v. Bundesministerium für Wohnungsbau, Ravensburg 1959.

Text: Mira Anneli Naß